Im Jahre 2007: Ich lese von "Besuchshunden" in Pflegeheimen und "Therapiehunden" in Einrichtungen für behinderte Menschen und seufze: "So etwas müsste in der Schule funktionieren!" Der Groschen, äh, die 10 Cent fallen aber noch nicht!
Im Jahre 2008: Beim Rückblick auf die vergangenen Berufsjahre fallen mir zunehmend Defizite im emotionalen und sozialen Bereich bei meinen Schülerinnen und Schülern auf. Wir diskutieren die verschiedensten Methoden und Möglichkeiten, um den Kindern und Jugendlichen bei ihren Verhaltensauffälligkeiten zu helfen, wir probieren einiges - mit unterschiedlichem Erfolg. Doch gibt es einen gemeinsamen Kern dieser Probleme? Sie scheinten aus einer tief empfundenen Orientierungslosigkeit, einem Bindungsunver-mögen, einer Beliebigkeit im Umgang mit anderen zu stammen, aber auch aus einer Überfrachtung der Köpfe mit viel ungeordnetem Zeugs, Filmen, Soaps, Games, Internet... Konzentration, Lernen, Erfolgserlebnisse werden immer schwerer... Da lese ich das erste Mal im Internet über Hunde, die Schulklassen besuchen! Nervenenden in meinem Kopf finden zueineinander und der entscheidende Gedanke flammt auf. Das wäre mein Weg der Pädagogik! Ein Schulbegleithund! Als Hundehalter kann ich das spontan einschätzen, aber natürlich verbringe ich nun viel Zeit mit Recherche zu diesem Thema. Durch mein Lesen und Nachfragen werde ich immer mehr bestärkt. Und wie kann ich alles bei uns umsetzen?
Unser Familienhund Branko, ein Hovawart, wird befragt. Hätte er Lust, Schulbegleithund zu werden? Nein - er winkt ab. 10 Jahre ist er inzwischen alt, die Knochen tun ihm hier und da weh. Er fühle sich eher als Pensionär und wisse sein Körbchen, gute Mahlzeiten und ein bisschen frische Luft zu schätzen. Gegen eine Hundelady im Haushalt habe er nichts, bewachte er in jüngeren Jahren einen Harem von zwei Damen...
8.10.2008: Nun ist es an der Zeit anzufangen, alle guten Ideen in die Praxis umzusetzen. Doch wie fange ich es am besten an? Am besten ohne Angst! Daher rufe ich bei der Landesschulbehörde an, um einfach mal nachzufragen, was man dort von meiner Idee - die im Landkreis Nienburg bisher einmalig ist - hält... Juhu! Sie kommt an!
23.10.2008: Der Familienrat tagt letztmalig. Der Schulbegleithund soll ein Mops werden. Unsere Tochter sucht ab jetzt Hunderte von Hundenamen heraus.
25.10.2008: Ich schreibe eine lange und hoffentlich ansprechende "Bewerbung" für einen Retro-Mops an den Zuchtverband "Züchterkreis für den Retro-Mops". Es gibt in jedem Jahr nur wenige Welpen, da kann man nicht mal eben so ein Hündchen bekommen! (Und das ist auch gut so.) Wir sind sehr gespannt auf die Reaktion.
27.10.2008: Die Landesschulbehörde erhält ein schriftliches Konzept zum Einsatz eines Schulbegleit-hundes im Landkreis Nienburg. Auch hier bin ich sehr gespannt auf das Echo!
3.11.2008: Unsere Bewerbungen haben Anklang gefunden! Wir werden in die Warteliste mehrerer Retro-Mops-Züchterin aufgenommen, die Anfang des kommenden Jahres einen Wurf planen. Sie gibt uns freundlicherweise die Adresse einer weiteren Züchterin, die ebenfalls für Anfang bis Mitte 2009 einen Wurf plant. Unsere Tochter bedauert, dass das Möpschen nicht schon "morgen" da ist. Dafür steht der Name fest: Suki. Auch für Erstklässler schnell zu lernen.
Nun heißt es unter anderem, sich nach berufsspezifischen Ausbildungen auf die Suche zu machen. Das ist nicht ganz einfach, denn es gibt zwar einige Ausbildungsinstitute für Therapiebegleithunde (auch in realtiver Nähe), aber die Ausbildungsinhalte orientieren sich fast überall mehr an "Therapie" als an "Pädagogik". Warum sollte ich mich fortbilden im Umgang mit Demenzkranken (und dies auch bezahlen), wenn ich das im Alltag gar nicht brauche? Ein weiteres Manko ist, dass Ausbildungsgänge weder standardisiert noch in ihrer Bezeichnung geschützt sind. Hmm, da dauert die Suche...
28.1.2009: Uns erreicht die Mail einer der Züchterinnen, dass ihr Möpslein wohl Mitte März Mama wird! Juhu! Wir wünschen zuallererst der werdenden Mutter alles Gute (ob werdende Mops-Mamas wohl auch komische Gelüste kriegen?) und hoffen dann, dass sich in zwei Monaten das ersehnte Mädel im Wurf befinden wird.
13.3.2009: Wir bekommen einen Anruf von der Züchterin, dass lauter Jungs geboren worden sind! Tja, das ist nun mal Natur! Wir beglückwünschen sie trotzdem zur Geburt der acht Welpen und sind froh, dass wir zwischenzeitlich Kontakt zur Mopszucht von Ottersried in Freising, Bayern aufgenommen haben. Dort gibt es sogar acht Mädchen! Schnell bekommen wir Fotos zugeschickt und dann vereinbaren wir einen Besuchstermin für April.
7.4.2009: Nach längerer Recherche nehme ich Kontakt zum Ausbildungszentrum SocialDogs in Nottuln, Nordrhein-Westfalen auf. Hier erscheinen mir die Ausbildungsinhalte sinnvoll, die Ausbildungszeiten vereinbar mit Schul- und Privatleben und die Preise realistisch. Meine erste Frage lautet, ob sich ein Mops wirklich als Schulbegleithund eignet! Die Antwort: Aber ja! Es gibt sogar schon einige! Ich bekomme auch hier den Hinweis, dass es sich wirklich lieber um ein freiatmendes Tier handeln sollte. Wir vereinbaren, dass Suki und ich Ende 2009 oder Anfang 2010 an einem Beginners-Seminar teilnehmen, um mal zu schauen...
8.4.2009: Ich fliege nach München, um in Freising einen Wurf schwarzer Welpen zu besichtigen. Ein wunderschönes Mädchen mit Nase ist dabei: aus "Ebony" wird "Suki"! Weil es wichtig ist, dass mein zukünftiger Schulbegleithund eindeutiges hündisches Verhalten lernt, vereinbare ich mit der Züchterin, dass Suki mindestens bis zur 12. Woche bei ihr bleiben darf. Zur Einschätzung des Wohlbefindens und des Verhaltens ist es wichtig, dass ein Schulbegleithund z.B. eine zweifelsfreie Hundemimik zeigt. Das lernt er am besten im Sozialkontakt in seinem angestammten Rudel - gerade bei den älteren Tieren. Nach heutigen Erkenntnissen ist es schlichtweg ein Ammenmärchen, dass ältere Welpen weniger Beziehung zum neuen Besitzer aufbauen...
Nebenbei: Nachdem Sukis Mutter nun keine Zuchthündin mehr sein soll, fragen wir, ob wir sie vielleicht haben dürfen. Nach einigem Nachdenken seitens der Züchterin (schließlich ist das kein schnell gefasster Entschluss) dürfen wir. Hurra! Möpse sind am liebsten zu mehreren und nun hat Suki ihre vertraute Gefährtin dabei!
17.5.2009: Suki und ihre Mutter Hope ziehen bei uns ein, nachdem sie eine kurze Reise im Flugzeug überstanden haben. Wir sind happy!
17.6.2009: Beide Möpse haben sich inzwischen gut eingelebt und bereichern unseren Alltag. Sie zeigen sich gesellig, aufmerksam und kuschelig - so wie Möpse eben sind! Beide Hunde sind ausgesprochen sportlich und begeisterte und ausdauernde Spaziergänger, auch wenn wir Suki noch öfters tragen müssen. Babys können eben noch nicht so lange laufen. Mutter und Tochter sind dabei völlig frei atmend und auch die höheren Temperaturen dieses Sommers machen ihnen nichts aus.
Gerade Suki erweist sich schnell als außerordentlich gelehrig, wie ich finde: Wo die Geschäftchen zu verrichten sind, merkte sie am 3. Tag und versuchte sich daran zu halten, und nach weiteren wenigen Tagen klappten bereits "Sitz!", "Halt!", "Lauf!" und "Aus!". Dabei ist sie regelrecht begeistert vorzumachen, was sie schon kann. Ich finde, diese Lernlust ist eine prima Voraussetzung für Sukis weitere Ausbildung!
9.10.2009: Das Mopsrudel wird komplettiert durch Saschi, die heute einzieht. Wir hatten gemerkt, wie traurig Hope ist, wenn Suki mal fehlt... Nun hat sie mopsigen Beistand.
4.2.2010 Schulmops Suki wird den gespannten Kolleginnen und Kollegen vorgestellt, die zwar schon so einiges gehört... aber noch nicht gesehen haben! In einer Dienstbesprechung werden die Ziele der hundegestützten Pädagogik erläutert und das Konzept vorgestellt. Suki wird herzlich aufgenommen und das Konzept trifft auf großes Interesse. Suki darf nun im Rahmen ihrer Ausbildung gelegentlich mit in die Schule kommen.
5./6. 2. 2010: Mit fast einem Jahr darf Suki nun ihre "schulische" Ausbildungsphase beginnen. Wir sind angemeldet für ein Wochenendseminar bei www.socialdogs.de im Münsterland. Nach einer Einführung zum Thema tiergestützte Pädagogik erhalten wir vielfältige Informationen über die Einsatzmöglichkeiten, die Vorbereitung des Hundes, Tricks & Tipps für den Trainingsaufbau, aber auch Anregungen für einen professionellen Umgang mit der Konzepterstellung und im notwendigen Umgang mit Behörden. Eine Einschätzung Sukis zeigt, dass ihre freundliche und begeisterte Art, sowie ihr Lernwille genau die richtige Voraussetzung für einen Schulmops sind. Nun freuen wir uns schon auf das nächste Seminar, an dem wir teilnehmen dürfen, wenn Suki mindestens 15 Monate alt ist. Bis dahin kann Suki schon allerhand Kommandos und Tricks erlernen, die wir mit auf den Weg bekommen haben - und sie darf erste Erfahrungen in der Schule machen.
12.2.2010: Sukis erster "Arbeitstag" - als Besuchshund der Klasse 6. Freundlich, aufgeschlossen und noch zurückhaltend erlebt sie einen kurzen Schulvormittag. Natürlich orientiert sie sich an mir und taut zunehmend auf, als ich ihr signalisiere, dass alles in Ordnung ist. Erste streichelnde Kinderhände werden aufgesucht und das einhellige Urteil der Kinder lautet: "Süüüüß!"
24.5.2010: Suki ist - zumindest an Freitagen - ein fester Bestandteil der Schule geworden. Körbchen und Hundehütte stehen bereit, und Suki freut sich morgens so sehr mitzukommen, dass sie auch an anderen Tagen danach verlangt. Zu ihrem Leidwesen wird ihr das (noch) verwehrt, denn es fällt auf, dass die Schule doch sehr anstrengend für den jungen Mops ist. Kaum sitzt sie Freitagmittag in der Pet Tube im Auto, schläft sie sofort ein.